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Kalte Fusion
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Als kalte Fusion bezeichnet man Verfahren, die eine als Energiequelle nutzbare kontrollierte Kernfusion von Wasserstoff-Isotopen herbeifĂŒhren sollen und dazu keine thermonukleare Reaktion, also kein Plasma mit hoher Temperatur und Dichte, benötigen. Damit grenzt sich die kalte Fusion von den Verfahren ab, die im Kernfusionsreaktor oder bei der TrĂ€gheitsfusion genutzt werden. Ein hĂ€ufig gebrauchtes Synonym fĂŒr die kalte Fusion ist LENR (low energy nuclear reactions, also Kernreaktionen bei niedriger Energie).

Erste Überlegungen zur Fusion bei niedrigen Temperaturen gab es in den 1940er Jahren in der Sowjetunion (Myonen-katalysierte Fusion). Bekannt wurde der Begriff kalte Fusion (englisch cold fusion) durch ein 1989 von den Chemikern Stanley Pons und Martin Fleischmann vorgestelltes Experiment. Sie behaupteten, eine nukleare Fusion auf elektrochemischem Weg an einer Palladium-Elektrode bei 300 K (27 °C) durchgefĂŒhrt zu haben.cite-ref-1[1] Dies ließ kurzzeitig die Hoffnung aufkommen, dass eine neue, praktisch unerschöpfliche Möglichkeit zur Stromerzeugung und Energieversorgung gefunden worden sei. Die Labor-Ergebnisse von Pons und Fleischmann konnten jedoch nicht durch unabhĂ€ngige Dritte bestĂ€tigt werden. Eine vom Energieministerium der Vereinigten Staaten eingesetzte Kommission kam zum Ergebnis, dass es sich um pathologische Wissenschaft handle.cite-ref-huizenga-2-0[2] Als Konsequenz gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass eine Kernreaktion mit nennenswerter Energiefreisetzung auf diese Weise nicht eingeleitet werden kann.cite-ref-3[3]

Im Jahre 2023 schrieb die dem Energieministerium der Vereinigten Staaten unterstellte Forschungsbehörde ARPA-E dennoch 10 Millionen Dollar fĂŒr LENR-Forschung aus.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]

Contents

‱ Sonofusion
‱ Pyrofusion
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Vorgeschlagene Funktionsmechanismen

Myonen-katalysierte Fusion

Überlegungen dazu stellten Ende der 1940er Jahre Frederick Charles Frankcite-ref-6[6] und Andrei Sacharowcite-ref-7[7] an, die aufgrund theoretischer AnsĂ€tze postulierten, dass Myonen die Einleitung von Fusions-Kernreaktionen in der Art eines Katalysators erleichtern könnten. Sacharow prĂ€gte 1948 dafĂŒr auch den Begriff „kalte Fusion“.cite-ref-8[8] Luis W. Alvarez,cite-ref-9[9]cite-ref-10[10] der 1968 mit dem Nobelpreis fĂŒr Physik ausgezeichnet wurde, entdeckte 1956 auf Blasenkammer-Aufnahmen ungewöhnliche Spuren. Zusammen mit Edward Teller kam er zu dem Schluss, dass Myonen Kernfusionen ausgelöst hĂ€tten.

Wenedikt Petrowitsch Dschelepow fand Mitte der 1960er Jahre am Kernforschungsinstitut in Dubna heraus, dass die Anzahl der durch Myonen katalysierten Fusionen in Deuterium mit steigender Temperatur zunimmt. Eine ErklĂ€rung lieferte bald darauf 1967 der damalige Student E. A. Wesman (der mit Semjon Solomonowitsch Gerschtein zusammenarbeitete) durch Resonanzen mit komplizierteren MolekĂŒlkonfigurationen (wie drei Deuteronen mit sowohl myonischer als auch elektronischer Bindung). 1975 fand Leonid Iwanowitsch Ponomarjow, der fĂŒhrend in der Sowjetunion an der immer genaueren Berechnung der Energieniveaus solcher mesonischer MolekĂŒle war, einen besonders starken Resonanzeffekt in Deuterium-Tritium-MolekĂŒlen. Der Effekt konnte in Dubna 1979 durch Dschelepow bestĂ€tigt werden, was zur Wiederbelebung des Interesses an Myon-katalysierter Fusion auch im Westen beitrug (insbesondere Steven Jones in Los Alamos).

Der Bahnradius eines Myons um einen Atomkern ist umgekehrt proportional zur reduzierten Masse des Atomkerns und des Myons. Da ein Myon im Vergleich zu einem Elektron eine wesentlich höhere Masse besitzt, liegt sein Orbital wesentlich dichter am Atomkern als bei einem Elektron. Da in die reduzierte Masse zusĂ€tzlich auch die Masse des Atomkerns eingeht, fĂŒhrt eine höhere Masse des Atomkerns ebenfalls zu einem dichter liegenden Orbital des gebundenen Teilchens. Trifft nun ein negativ geladenes Myon auf ein DT-MolekĂŒl (aus einem Deuterium- und einem Tritiumatom), kann es vorkommen, dass das Myon ein Elektron aus den MolekĂŒlorbitalen verdrĂ€ngt und ein neues MolekĂŒlorbital bildet. Durch die enge Abschirmung der Ladung des Tritiumkerns durch das Myon werden dabei die Atomkerne rund 200-mal enger gebunden als bei dem ursprĂŒnglichen MolekĂŒl. Daher kann es vergleichsweise leicht zur Kernverschmelzung (Fusion) kommen, durch die aus dem myonischen DT-MolekĂŒl ein myonisches Helium-5-Atom entsteht. Dieses zerfĂ€llt mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,4 % in ein Helium-4-Atom, ein Myon und ein Neutron, wobei Energie freigesetzt wird:

D ÎŒ ÎŒ T → → 2 4 H e + n + ÎŒ ÎŒ + 17 , 6 M e V {\displaystyle \mathrm {D\mu T\rightarrow {}_{2}^{4}He+n+\mu +17{,}6\,MeV} }

Das freigesetzte Myon kann nach dieser Reaktion die gleiche Reaktion erneut auslösen und somit einen Fusionsprozess kettenreaktionsartig am Laufen halten. Das Myon wirkt dabei Ă€hnlich wie ein chemischer Katalysator. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,6 % bleibt das Myon aber auch am Helium-4-Atom haften (engl. sticking) und steht dann fĂŒr weitere FusionsvorgĂ€nge nicht mehr zur VerfĂŒgung:

D ÎŒ ÎŒ T → → 2 4 H e ÎŒ ÎŒ + n + 17 , 6 M e V {\displaystyle \mathrm {D\mu T\rightarrow {}_{2}^{4}He\mu +n+17{,}6\,MeV} }

Der gesamte Zyklus vom Myoneneinfang bis zur Fusion geschieht in etwa 10−9 s. Die kurze Lebensdauer des Myons von etwa 2,2 ÎŒs begrenzt damit die Zahl der katalysierten Einzelreaktionen prinzipiell etwa auf 2000. Danach zerfĂ€llt das Myon wieder gemĂ€ĂŸ:

ÎŒ ÎŒ − − → → e − − + Μ Μ ÂŻ ÂŻ e + Μ Μ ÎŒ ÎŒ {\displaystyle \mu ^{-}\rightarrow \mathrm {e} ^{-}+{\overline {\nu }}_{e}+\nu _{\mu }}

FĂŒr die Herstellung eines Myons mit einem Teilchenbeschleuniger werden rund 3 GeV benötigt. Eine Netto-Energiegewinnung durch den Einschuss der erzeugten Myonen in ein Deuterium-Tritium-Gasgemisch erschien zunĂ€chst möglich.cite-ref-11[11] Dass dies trotzdem nicht der Fall ist, liegt an dem oben beschriebenen zweiten Folgeprozess, bei dem das Myon haften bleibt und damit keine weiteren Fusionsreaktionen katalysieren kann. Aufgrund des zweiten Prozesses reduziert sich gemĂ€ĂŸ den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung die durchschnittliche Anzahl der katalysierten Fusionen auf N = ∑ ∑ k = 0 2000 ( 0,994 ) k {\displaystyle N=\sum _{k=0}^{2000}(0{,}994)^{k}} . Das Ergebnis dieser geometrischen Reihe ist 1 − − 0,994 2001 1 − − 0,994 ≈ ≈ 1 1 − − 0,994 ≈ ≈ 166 , 7 {\displaystyle {\tfrac {1-0{,}994^{2001}}{1-0{,}994}}\approx {\tfrac {1}{1-0{,}994}}\approx 166{,}7} . Bei dieser geringeren Anzahl an Fusionen werden nur mehr 2,9 GeV Fusionsenergie erzeugt, also weniger, als zur Herstellung eines neuen Myons nötig ist. Daher lĂ€sst sich mit diesem Prozess im statistischen Mittel keine Nutzenergie gewinnen, insbesondere wenn die zusĂ€tzliche elektrische Energie berĂŒcksichtigt wird, die zur Herstellung und zum Grundbetrieb des Teilchenbeschleunigers erforderlich ist.

Metall-katalytische Fusion

Palladium besitzt die höchste AbsorptionsfĂ€higkeit aller Elemente fĂŒr Wasserstoff; es kann bei Raumtemperatur das 900-Fache seines eigenen Volumens binden. Zudem hat Palladium katalytische Eigenschaften. Viele Versuche zur kalten Fusion nutzen daher Palladium.

Paneth (1926)

Der erste Bericht zur Umwandlung von Wasserstoff in Helium in Verbindung mit Palladium stammt aus dem Jahr 1926 von Fritz Paneth. Bei der ErwĂ€rmung von mit Wasserstoff behandelten PalladiumprĂ€paraten stellte er eine nicht zu erklĂ€rende Menge an Helium fest.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13] Im darauf folgenden Jahr hatte man jedoch einige Fehlerquellen erkannt. Ein Beispiel ist die bei erhöhter Temperatur bessere DurchlĂ€ssigkeit von Glas fĂŒr Helium. In einer Veröffentlichung von 1927 deutete Paneth zusammen mit weiteren Autoren das Helium daher als Folge dieser Ursachen.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15]

„Kalte Fusion“ nach Fleischmann und Pons

Der Begriff „kalte Fusion“ wurde durch einen zunĂ€chst als Erfolg berichteten Versuch von Fleischmann und Pons bekannt. Am 23. MĂ€rz 1989 berichteten Martin Fleischmann und Stanley Pons im Rahmen einer Pressekonferenz von Experimenten, bei denen sie kalte Fusion beobachtet hĂ€tten. Diese Berichte wurden als Sensation aufgenommen, denn danach wĂ€re auf einfache Weise Energie aus schwerem Wasser freizusetzen. FĂŒr kurze Zeit gab es in der Fachwelt die Hoffnung, dass dies als praktisch unerschöpfliche Energiequelle großtechnisch nutzbar gemacht werden könnte.cite-ref-16[16]

Bei diesem Experiment soll die Verschmelzung der Wasserstoff-Isotope Protium, Deuterium und Tritium wĂ€hrend der Elektrolyse eines Elektrolyten an der OberflĂ€che einer Palladium-Kathode stattgefunden haben. Als Hinweise auf eine kalte Fusion gelten der Nachweis der dabei entstehenden Helium-Atome, Tritium und Neutronen- oder Gammastrahlen (bestimmter Energie bzw. Frequenz) sowie der Nachweis einer Überschuss-WĂ€rmeproduktion, die nicht durch chemische Prozesse erklĂ€rt werden kann.

Schon am 1. Mai 1989 wiesen die Physiker Steven Koonin, Nathan Lewis, und Charles Barnes vom Caltech auf einer Sitzung der amerikanischen physikalischen Gesellschaft Fehler der Fleischmann-Pons-Experimente nach und widerlegten deren Ergebnisse.cite-ref-17[17] Auch anderen Laboratorien gelang es nicht, die Fleischmann-Pons-Ergebnisse zu bestĂ€tigen, auch nicht mit um GrĂ¶ĂŸenordnungen empfindlicheren Messapparaturen.cite-ref-18[18] Fleischmann und Pons selbst konnten ihre Ergebnisse vor Zeugen nicht wiederholen.

Inzwischen hatten weltweite Forschungen eingesetzt. So wurde z. B. im Juli 1989 von einer indischen Forschergruppe des BARC (P. K. Iyengar und M. Srinivasan) und im Oktober 1989 von einer US-amerikanischen Gruppe (Bockris et al.) ĂŒber die Entstehung von Tritium berichtet. Im Dezember 1990 berichtete Richard Oriani von der UniversitĂ€t Minnesota ĂŒber ÜberschusswĂ€rme bei Versuchen zur kalten Fusion.cite-ref-19[19]

Die amerikanische Regierung setzte eine Kommission des Energieministeriums (DOE) ein, um die möglichen Auswirkungen auf die nationale Energieversorgung untersuchen zu lassen. Die Kommission des DOE kam im November 1989 zum Schluss, dass „die gegenwĂ€rtigen Hinweise auf die Entdeckung eines neuen kernphysikalischen Prozesses, genannt ‚kalte Fusion‘, nicht ĂŒberzeugend seien“.cite-ref-20[20]

Über die innerhalb von wenigen Monaten zunĂ€chst aufgebaute Euphorie mit anschließender EnttĂ€uschung wurde in den allgemeinen Medien breit berichtet.

Eine erneute Veröffentlichung von Fleischmanncite-ref-21[21] trug dazu bei, dass sich das DOE in den Jahren nach 2003 nochmals der Sache annahm. Trotz der seit 1989 weiter fortgeschrittenen Technik der kalorimetrischen Messung und den durchgefĂŒhrten Folgeexperimenten kommt das DOE zum gleichen Ergebnis wie 1989 und rĂ€t von einer gezielten Förderung der Erforschung der beschriebenen Effekte zur Entwicklung einer alternativen Energiequelle ab.cite-ref-doe2004-22-0[22]

Forschungsarbeiten

Weltweit fĂŒhren einige Forschergruppen bis heute wissenschaftliche Untersuchungen in dem Themenbereich „kalte Fusion“ bzw. LENR durch, zum Teil auch mit neuen AnsĂ€tzen.

Journalisten bereiten das Thema gelegentlich auf oder berichten ĂŒber Wissenschaftler, die Potenzial in der kalten Fusion sehen.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24]cite-ref-25[25] Die Amerikanische Physikalische Gesellschaft lĂ€sst regelmĂ€ĂŸig Symposia zu LENR zu; die Amerikanische Chemische Gesellschaft tat dies nach 1989 im Jahre 2007 erstmals wieder.cite-ref-26[26] Im MĂ€rz 2012 wurde auf einer Konferenz der American Nuclear Society (ANS)cite-ref-27[27] ĂŒber LENR berichtet. Es erscheinen auch begutachtete Fachartikel zum Thema.cite-ref-28[28] Die US-MilitĂ€rbehörde SPAWAR (Space and Naval Warfare Systems Command) fördert seit 1989 LENR-Experimente. Mehrfach dankten verschiedene Autoren der SPAWAR fĂŒr ihre UnterstĂŒtzung.cite-ref-spawarpapers-29-0[29] Daneben beschĂ€ftigen sich die ENEAcite-ref-enea-30-0[30] und das SRI International mit dem Thema LENR.cite-ref-srisearch-31-0[31]

Die UniversitĂ€t von Missouri erhielt 2012 von einer privaten Stiftung Forschungsgelder in Höhe von 5,5 Millionen USD, um die Entstehung ĂŒberschĂŒssiger WĂ€rme bei Wechselwirkungen zwischen Wasserstoff und Palladium, Nickel oder Platin zu erforschen.cite-ref-missourian-skinr-32-0[32]cite-ref-eurekalert-kimmel-33-0[33]

Die UniversitĂ€t Göteborg forscht unter der Leitung von Leif Holmlid an Laser-induzierten Myonen-katalysierten Fusionsreaktionen in hochdichtem Deuterium (Rydberg-Zustand).cite-ref-goteborgpressrelease-34-0[34] Im Jahr 2015 berichtete Holmlid in mehreren Arbeiten ĂŒber Beobachtungen emittierter schwerer, neutraler Teilchen mit Energien ĂŒber 10 MeV u−1.cite-ref-lholmlidaip-35-0[35]cite-ref-lholmlidinternationaljournalhydrogenenergy-36-0[36]cite-ref-lholmlidreviewscientificinstruments-37-0[37]

Das Wissenschaftsjournal Nature veröffentlichte Ende Mai 2019 einen Bericht einer von Google zusammengestellten und finanzierten Forschergruppe.cite-ref-38[38] Die Forscher konnten keine Anhaltspunkte fĂŒr kalte Fusion finden. Da sie einige der als am gĂŒnstigsten fĂŒr die Fusion geltenden Bedingungen nicht erreicht haben, plĂ€dieren sie dennoch fĂŒr weitere Untersuchungen.cite-ref-39[39]

Sonofusion

Der US-Wissenschaftler Rusi P. Taleyarkhan vom Oak Ridge National Laboratory berichtete im MĂ€rz 2002 im Magazin Science ĂŒber die Möglichkeit, mit durch Schallwellen ausgelöster Kavitation eine kontrollierte Fusion herbeizufĂŒhren.cite-ref-taleyarkhan2002-40-0[40] Bei diesem Sonofusion oder auch BlĂ€schenfusion genannten Vorgang sollen hohe Temperaturen, DrĂŒcke, Strahlungs- und Neutronendichten entstehen, die eine Kernfusion ermöglichen.

Eine auf Betreiben der US-Marine eingerichtete Kommission von fĂŒnf UniversitĂ€ten kam zu dem Ergebnis, dass Experimente einer anderen Gruppe, die die Ergebnisse zu bestĂ€tigen schienen, gefĂ€lscht waren.cite-ref-41[41] Im August 2008 wurde Taleyarkhan von der Purdue University wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens (scientific misconduct) die Professur entzogen.cite-ref-42[42] Er blieb zwar weiterhin Mitglied der FakultĂ€t, jedoch unter der Bezeichnung special graduate faculty und ohne das Recht, Doktoranden zu betreuen. Die AffĂ€re wurde unter dem Namen bubblegate bekannt.cite-ref-43[43]

In Deutschland wurde die Sonofusion von GĂŒnter Lohnert, UniversitĂ€t Stuttgart, propagiert; Lohnert, der sich auch mit Kugelhaufenreaktoren beschĂ€ftigt, bezeichnete die Sonofusion schon 2005 als bewiesen.cite-ref-44[44]cite-ref-welt-204010-45-0[45] Lohnert hat zudem als Herausgeber der Zeitschrift Nuclear Engineering and Design (NED) nach nur kurzer PrĂŒfung, ohne andere Gutachter hinzuzuziehen, die vorgenannte, mittlerweile als gefĂ€lscht bewertete Arbeit, welche die Sonofusion zu bestĂ€tigen schien, akzeptiert.cite-ref-46[46]cite-ref-47[47] Er gab wĂ€hrend des US-Untersuchungsverfahrens zur Sonofusion Taleyarkhan 2007 und 2008 die Möglichkeit, seinen Standpunkt in NED darzulegen. Lohnert wurde 2009 als aktiver Herausgeber von NED abgelöst.

Nickel-Wasserstoff-Reaktion

Anfang 2011 behauptete der italienische Unternehmer Andrea Rossi zusammen mit dem Physiker Sergio Focardi (1932–2013), dass er Nickel und Wasserstoff zu Kupfer verschmelzen und damit eine sich ĂŒber lĂ€ngere Zeit selbst aufrechterhaltende exotherme Reaktion in einem als „E-Cat“ bezeichneten GerĂ€t erzeugen könne.cite-ref-48[48]cite-ref-49[49] Die internationale Patentanmeldung des GerĂ€ts wurde vom EuropĂ€ischen Patentamt als nicht patentierbar abgelehnt, da die Funktionsweise den allgemein anerkannten Gesetzen der Physik widersprĂ€che, daneben wurde der Anmeldung auch die nötige Erfindungshöhe (inventive step) abgesprochen.cite-ref-50[50]cite-ref-51[51] UnabhĂ€ngige BestĂ€tigungen des Experiments liegen bisher nicht vor. Die bei solchen Fusionsreaktionen eigentlich zu erwartende Gammastrahlung wurde nicht beobachtet. Eine grĂŒndliche Untersuchung des GerĂ€ts erlaubt Rossi nicht. Mehrere Gutachter sahen daher von einer abschließenden Beurteilung ab.cite-ref-52[52] Der LENR-Blogger Krivit hat Belege dafĂŒr zusammengetragen, dass Rossi systematisch das GerĂ€t manipuliert, um den Eindruck einer nennenswerten Energieproduktion zu erwecken.cite-ref-53[53]

Die fĂŒr den Herbst 2011 in Griechenland angekĂŒndigte PrĂ€sentation eines funktionsfĂ€higen Reaktors wurde abgesagt;cite-ref-54[54] ein seit Jahren angekĂŒndigter kommerzieller 1-MW-Reaktor befand sich nach Rossi-nahen Quellen auch im September 2015 noch immer erst im Testbetrieb.cite-ref-55[55] Auch nach Ablauf des angekĂŒndigten 350-Tage-Tests wurde kein abschließender Bericht vorgelegt, der das Funktionieren des GerĂ€ts bestĂ€tigt hĂ€tte.cite-ref-56[56] Mehrere Artikel im Skeptical Inquirer argumentieren, dass es keinen Beweis fĂŒr Energieproduktion in den E-cat-Experimenten gibt.cite-ref-57[57]cite-ref-58[58]

Nachdem die US-amerikanische Firma Industrial Heat von Rossi eine Lizenz fĂŒr den Verkauf E-Cat-basierter Produkte gekauft hatte, entzĂŒndete sich ein Rechtsstreit. Medienberichten zufolge forderte Rossi ausstehende Zahlungen in Höhe von 100 Millionen Dollar, wohingegen Industrial Heat den E-Cat fĂŒr nicht funktionsfĂ€hig erklĂ€rte.cite-ref-59[59]

Funktionierende Verfahren

Pyrofusion

→

Hauptartikel

:

Pyrofusion

Naranjo, Gimzewski und Putterman von der UniversitĂ€t von Kalifornien veröffentlichten in Nature im Jahr 2005 eine Arbeit ĂŒber pyroelektrisch induzierte Kernverschmelzungen.cite-ref-60[60] Sie stellen darin eine vergleichsweise kleine Apparatur „auf dem Labortisch“ vor, die Verschmelzungen von Deuteriumkernen ermöglicht. Um Deuteriumatome zu ionisieren und anschließend auf die fĂŒr die Fusion benötigte Geschwindigkeit zu beschleunigen, benutzten die Forscher einen pyroelektrischen Kristall als Spannungsquelle – daher der Begriff Pyrofusion. Das Deuterium wird durch das starke elektrische Feld an einer Wolframspitze ionisiert und die Ionen beschleunigt. Der erzeugte Neutronenfluss lag beim 400-Fachen der natĂŒrlichen Neutronenstrahlung. Als Quelle der Neutronen vermuten die Experimentatoren die Fusion zweier Deuteriumkerne zu Helium, wobei ein freies Neutron entsteht:

D + D → 3He (820 keV) + n (2,45 MeV)

Eine höhere Fusionsrate und damit höhere Neutronenfreisetzung ist durch den Beschuss von Tritium mit Deuteriumionen zu erwarten:cite-ref-61[61]

D + T → 4He (3,518 MeV) + n (14,07 MeV)

Wegen der prinzipbedingt auf geringe Teilchenströme begrenzten Leistung besteht weder bei Verwendung von Deuterium noch von Tritium als Target die Möglichkeit, auf diese Weise Energie fĂŒr praktische Zwecke freizusetzen. Als Neutronenquelle, etwa fĂŒr Analysezwecke, sind beide Konfigurationen jedoch geeignet.

Literarische und filmische Verarbeitung

‱ Der Roman Die Kalte Fusioncite-ref-62[62] von Johannes Schmidl spielt mit der Möglichkeit eines geglĂŒckten Experiments nach dem Muster der Sonofusion.
‱ Im Film Außer Kontrolle von Andrew Davis wird die Sonofusionsidee filmisch umgesetzt.
‱ Im Film The Saint – Der Mann ohne Namen referiert eine Forscherin ĂŒber die kalte Fusion.
‱ Die Fusion mittels Palladium wird in dem Thriller Die Quellecite-ref-63[63] von Uwe Schomburg beschrieben.
‱ In der Fernsehserie Fallout gelingt es, Kalte Fusion zu nutzen.

Literatur

BĂŒcher

‱ John R. Huizenga: Cold Fusion. The Scientific Fiasco of the Century. Oxford University Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-855817-1.
‱ John R. Huizenga: Kalte Kernfusion. Das Wunder, das nie stattfand. Vieweg+Teubner, Braunschweig 1994, ISBN 3-528-06614-8.
‱ Frank Close: Too hot to handle – the race for cold fusion. Princeton University Press, Princeton 1991, ISBN 0-691-08591-9.
‱ Frank Close: Das heiße Rennen um die kalte Fusion. BirkhĂ€user, Basel 1992, ISBN 3-7643-2631-X.

ZeitschriftenaufsÀtze

‱ Johann Rafelski, Steven E. Jones: Myon-katalysierte kalte Kernfusion. In: Spektrum der Wissenschaft. Nr. 9, ISSN 0170-2971, 1987, S. 124–130.
‱ A. Kendl: Zehn Jahre danach. Was blieb von der „Kalten Kernfusion“? In: Skeptiker. 12, ISSN 0936-9244, 1999, 1–2, S. 32.
‱ H. Dittmar-Ilgen: Neues zur Sonolumineszenz und Pyrofusion. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. Nr. 9 ISSN 0028-1050, 2006, S. 484.

Weblinks

‱ Fusion durch Feldionisation (Pyroelektrische Fusion). In: pro-physik.de
‱ Bericht des DOE von 1989 ĂŒber „Cold Fusion“
‱ Bruce Lewenstein, Cornell Cold Fusion Archive
‱ Cold Fusion Reviews 2004 und 1989 des DOE mit Reaktionen der Cold Fusion-Forscher
‱ Physics Today Januar 2005 zum DOE Report 2004
‱ www.lenr-canr.org – Website zur Förderung kalter Fusion.
‱ Das heisse Eisen der kalten Fusion

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Martin Fleischmann, Stanley Pons, Marvin Hawkins: Electrochemically induced nuclear fusion of deuterium. In: Journal of Electroanalytical Chemistry. Bd. 261, Nr. 2, ISSN 1572-6657, 1989, S. 301–308, doi:10.1016/0022-0728(89)80006-3; Erratum in: Journal of Electroanalytical Chemistry. Bd. 263, Nr. 1, ISSN 1572-6657, 1989, S. 187–188, doi:10.1016/0022-0728(89)80141-X
cite-note-huizenga-22. ↑ John R. Huizenga: Cold Fusion: The Scientific Fiasco of the Century. Oxford University Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-855817-1.
cite-note-33. ↑ Bart Simon: Undead Science. Science Studies and the After Life of Cold Science Ein soziologisches Fachbuch von 2002 ĂŒber das PhĂ€nomen, dass die kalte Fusion von der Mehrheit der Forscher verworfen wurde, eine Minderheit dessen ungeachtet jedoch weiter an dem Thema forscht.
cite-note-44. ↑ U.S. Department of Energy Announces $10 Million in Funding to Projects Studying Low-Energy Nuclear Reactions. In: arpa-e.energy.gov. ARPA-E, 2023, abgerufen am 15. Juli 2023 (englisch).
cite-note-55. ↑ Rahul Rao: Cold fusion is making a scientific comeback. In: popsci.com. Abgerufen am 15. Juli 2023.
cite-note-66. ↑ Frank Hypothetical alternative energy sources for the second meson events, Nature, Band 160, 1947, S. 525–527.
cite-note-77. ↑ Report Lebedev Institut, April 1948, nicht veröffentlicht, aber innerhalb der sowjetischen geheimen Forschung bekannt. Erste Veröffentlichung Zeldovich Reactions caused by mu mesons in hydrogen, Dokl. Akad. Nauka SSSR, Band 95, 1954, S. 493–496 (in Russisch)
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